"Eintracht" Münster 1901 e.V.

69 Jahre Treue – Heinz Fleck

Heinz FleckHeinz Fleck ist eine Koryphäe.
Nicht nur, dass er mit 90 Jahren unser ältester aktiver Sänger ist – er war und ist ein „Motor der Geselligkeit“.
Mit der höchsten Auszeichnung des Vereins, dem Ehrenteller, haben wir ihn bereits 1986 ausgezeichnet und im Jahre 1996 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.
In all dieser Zeit hat er in 14 Jahren keine einzige Probe versäumt und dafür jeweils ein Sängerglas erhalten. Dem Vorstand hat er als Beirat 5 Jahre angehört, war Kassenprüfer, Mitglied des Musikausschusses und hat 18 Jahre das Amt des Vizechorleiters ausgeübt.
Auch heute noch ist er in der Lage jederzeit den richtigen Ton anzugeben.


Aus dem Leben von Heinrich Fleck, ältester Sänger des AGV Eintracht Münster e.V.:

Unser ältester und allseits beliebter Mitsänger wurde geboren am 08.11.1924 in Münster in der Frankfurter Straße 2 (am heutigen Platz des Friedens).
Mit sehr guten Leistungen absolvierte er die Volksschule. Heinz Fleck ging gerne zur Schule und liebte Bücher. Er selbst wollte gerne die Oberschule besuchen und im Büro arbeiten, weil er in der Schule ausgelacht wurde, wenn er erzählt hat, dass er Schneider lernen muss. Sein Vater aber bestand darauf, dass er eine Ausbildung als Schneider im Familienbetrieb in Münster absolvierte. Die Schneiderei Fleck hatte ihren Sitz hier in Münster und fertigte seit mehreren Generationen Konfektions- und Maßschneiderei für die Betriebe in Aschaffenburg. Wie schon sein Vater und Großvater führten seine Brüder (1 älterer, 1 jüngerer) und er diese Tradition ebenfalls fort.

Nach der Lehre wurde er im Jahr 1942 mit 17 Jahren eingezogen. In dieser Zeit war sein Vater als politischer Häftling in Darmstadt inhaftiert, weil er als bekennender Kommunist nicht mit der damals vorherrschenden nationalsozialistischen Gesinnung konform ging. Heinz Fleck verpflichtete sich gegen den Willen seines Vaters beim RAD (Reichs-Arbeitsdienst) für ein Jahr, weil diese Abteilung eine „Friedensabteilung“ war und man nicht an die Front kam, was dann letztendlich

Kinder des AGV

Kinder des AGV

auch seinen Vater davon überzeugte, dass dies eine gute Entscheidung war.
Er leistete seinen Arbeitsdienst beim Gaustab (ähnlich wie ein Generalstab eine Planungsabteilung) in Halle ab. Es waren dort 13 Schneider aus dem Raum Darmstadt/Aschaffenburg stationiert. Bereits 3 Wochen nach Beginn seines Dienstes bei RAD wurde dort ein Schneider gesucht und zum Glück für Heinz Fleck wurde er ausgesucht, weil er seinen Gesellenbrief schon in der Tasche hatte. Durch sein gutes Lernvermögen bekam er nun eine Position, in der er viele Vorzüge hatte. Er brauchte kaum Geld und konnte viel von seinem Sold zur Seite legen. Das Essen in der Kaserne durfte er mit den „befehlshabenden Herren“ im Kasino einnehmen, wo die Tische mit weißen Leinen gedeckt waren und es immer genug zu essen gab.
Während seiner Zeit in Halle erkrankte er an Diphtherie, aber das Glück war ihm weiter hold, da er nicht mangelernährt war und in der medizinischen Klinik in Halle bis zu seiner Genesung behandelt wurde.

1943 war seine Glückssträhne leider zu Ende, da die Verantwortlichen für den Einzug zum Militär an die Unterlagen seines Vaters als politisch Verfolgten gekommen waren und er nun dadurch seinen privilegierten Posten beim RAD verlor und zum „Barras“ kam.
Er wurde nach Frankreich zur Grundausbildung geschickt und von dort aus nach Siegen, wo die Truppen zusammengestellt wurden, die an die Front in Jugoslawien abkommandiert wurden. Dort war er fast eineinhalb Jahre als Panzerjäger im Einsatz.
Im Dezember 1944 durfte er auf Weihnachtsurlaub nach Hause fahren, bevor er dann am 06.01.1945 nach Pilsen beordert wurde, wo die Truppen für die Front gegen Russland in Polen zusammengestellt wurden. Bei den Kämpfen wurde er zweimal verwundet. Einmal entging er dem Tod, da ein Durchschuss knapp an der Lunge vorbei ging und er nicht lebensgefährlich verletzt wurde. So überstand er also mit großem Glück den Krieg und befand sich bei Kriegsende am 08. Mai 1945 in der Tschechoslowakei.
Alle Soldaten waren am Kriegsende auf sich allein gestellt und mussten nun sehen, wie sie den langen Heimweg bewältigten und überlebten. Heinz Fleck machte sich mit drei anderen Soldaten auf den Rückweg zu Fuß nach Hause.

Bei einem Bauern in der Scheune hatten sie Unterschlupf gefunden und sie sollten abends um 22 Uhr ins Haus kommen und würden etwas zu essen bekommen. Als sie dann abends am Tisch saßen, kam ein russischer Offizier (der wie alle gut deutsch sprach), auf Patrouillengang zur Tür herein, sah sie und sagte nur „Macht dass ihr verschwindet, sonst…“ und verschwand wieder, ohne die jungen Männer mitzunehmen. Die vier jungen Soldaten begriffen, dass dies eine Chance war, die sie sicher so schnell nicht wieder bekommen würden und machten sich sofort am nächsten Tag auf den langen Weg nach Hause. Nach dieser Begebenheit beschlossen sie, nur noch im Schutz der Dunkelheit unterwegs zu sein und sich tagsüber möglichst einen gut versteckten Platz zum Ausruhen zu suchen. Sie sind trotz Blasen an den Füßen jede mögliche Minute gelaufen und kamen bei Dresden zu einem Bauern, der ein Nazi war. Dort wollten sie ursprünglich nur etwas essen und sich ein wenig ausruhen. Als Heinz jedoch eine junge, hübsche, dunkelhäutige Frau über den Hof gehen sah, die er gern näher kennenlernen wollte, änderte er seine Meinung und sie blieben für 4 Tage auf dem Hof und erholten sich von den Strapazen des bisher bewältigten Heimweges. Bei der Erinnerung an diese Begebenheit, errötet Heinz heute noch … aber ein Gentleman genießt und schweigt 😉 . Einzig erzählte er, dass sie mit den Nachbarsmädchen gefeiert haben. Am Pfingstmontag saßen sie gerade bei Tisch zum Essen und es kam auf einmal ein Jeep mit Russen auf den Hof gefahren, die die kleine Gruppe von Soldaten um Heinz Fleck mitnehmen wollten. Die jungen Männer zögerten nicht lang und ließen sich von der Tochter des Hauses einen Fluchtweg zeigen, der erst ins Haus führte und von dort sind sie aus dem 2. Stock an der rückwärtigen Seite des Hofes aus dem Fenster gesprungen. Danach zerstreuten sich die Weggefährten in verschiedene Richtungen und Heinz setzte nun seinen Weg alleine fort. Er versteckte sich in einem Bahnwärterhäuschen bei einer etwa 45 jährigen Frau, die dort zusammen mit ihrer 22 jährigen Tochter und Enkelkind lebte. Jede der beiden Frauen machte sich Hoffnungen, dass unser attraktiver und freundlicher Heinz bei Ihnen bleiben würde. Er jedoch bemerkte die Eifersüchteleien zwischen den Frauen, die beide ein Auge auf unseren feschen Heinz geworfen hatten, und beschloss seinen Weg nach Hause lieber schnell fortzusetzen.
Heinz legte auf seinem Heimweg ab dem Kriegsende am 08.05.1945 von östlich von Prag etwa eine Strecke zwischen 500-600 Kilometern zu Fuß zurück. Bis nach Münster lief er dennoch nur etwa 8 Wochen, denn er kam bereits am 27.07.1945 wohlbehalten zu Hause in Münster an. Sein jüngster Bruder kam bereits am 20. Juli der gleichen Woche aus dem Krieg zurück wie Heinz. Leider musste Heinz nun erfahren, dass sein älterer Bruder im Krieg gefallen war.

Nach der Rückkehr gewährte ihnen sein Vater noch drei Monate, die sie „unangemeldet“ verbringen durfte, bevor sie dann im Oktober wieder offiziell als steuerzahlender Bürger angemeldet wurden und im Familienbetrieb mitgearbeitet haben. Es gab dort jedes Jahr zwei bis drei Lehrlinge. Heinz erzählt, dass von den Lehrbuben mehrere auch im Verein mitgesungen haben und einer von ihnen, Edmund Löbig, ist auch heute noch dabei.
So sorgte Heinz Fleck schon in frühen Jahren dafür, dass neue Mitsänger gefunden wurden und dem Verein beitraten, um den Fortbestand des Gesangsvereins zu sichern.

In 1946 ist er in den Arbeitergesangsverein Freiheit, der damals noch ein reiner Männerchor war, und bei der Freien Sportvereinigung eingetreten.
Beim FSV hat er Fußball gespielt und war dort auch 7 Jahre lang Vereinsvorsitzender.
Von 1952 bis 1960 bekleidete Heinz Fleck beim AGV den Posten des Vizedirigenten. Er erinnert sich, dass der Chor damals aus 90 Männern bestand. Nach einem Auftritt in Dietzenbach, den er als Vize dirigiert hat, da sein Lieblingsdirigent Herr Michael Frank verhindert war, seien die anderen Dirigenten zu ihm gekommen und haben ihm herzlich gratuliert, weil der Auftritt so gelungen war. Selbst der Dirigent des MGV Münster schloss sich den Glückwünschen an. Diese Glückwünsche bedeuten ihm bis heute sehr viel.

Auf die Frage, warum Heinz nach dem Krieg dem AGV und nicht dem MGV beigetreten war, erwiderte er trocken „Was? Ich wär doch nie zum MGV hingegangen! Um Gottes Willen! Die war´n mir zu schwarz.“ Da Heinz ja in einem eher kommunistisch/sozialistisch orientierten Elternhaus groß geworden ist, wäre eine Mitgliedschaft in dem damals eher konservativ orientierten MGV für ihn nicht denkbar gewesen.
Von 1933 bis 1945 waren der AGV und der FSV von den Nazis verboten und der vereinseigene Flügel wurde beschlagnahmt. Als sein Vater 1949 Vorsitzender des AGV war, erfuhr er, dass dieser Flügel bei einem Bauern in der Scheune stand.

Es wurde kurzerhand ein Traktor organisiert und der Flügel beim Bauernhof abgeholt. Dieser hatte glücklicherweise kaum Schaden genommen und konnte mit wenig Aufwand wieder flott gemacht und anschließend zu den Proben eingesetzt werden. Nach ein paar Jahren ging es dem Verein finanziell besser und es konnte ein neuer Flügel angeschafft werden.

Im-Vorstand-beim-FSV

Im-Vorstand-beim-FSV

Als nun langsam das normale Leben nach dem Krieg begann, konnten auch Freizeitvergnügen wieder genossen werden.
1946 saß Heinz, der jetzt 21 Jahre alt war, mit einem Freund und drei jungen Mädchen in der damaligen Gastwirtschaft des Martin Roßkopf in Münster. Es kamen vier weitere junge Mädchen herein und Heinz hat die drei davon begrüßt, die er kannte. Der vierten jungen Frau, die er nicht kannte, gab er nicht die Hand. Da es den Mädchen am Tisch bei der Tür zu kalt war, setzten sie sich ein bisschen weiter nach hinten in den Gastraum. Und nach einer Weile sagten die Mädchen, sie hätten Hunger und ihr Zug, der sie nach Jügesheim zurückbringen könnte, käme auch noch nicht. Heinz, der auch damals schon ein sehr galanter Mann war, schlug vor, dass sie alle bei ihm zu Hause etwas essen könnten. Er wusste, dass seine Mutter immer etwas auf Vorrat gekocht hatte und so konnte er den Mädchen ein paar Kohlrouladen anbieten. Anschließend begleitete er sie noch zum Zug und wurde von allen mit Küsschen verabschiedet.

Festumzug-Münster

Festumzug-Münster

Am Dienstagabend danach rief ihm sein Bruder zu, es stünde ein Mädchen vor der Tür, die zu ihm wollte und er ging verwundert nachsehen. Und da stand dann Katharina, die junge Frau aus Jügesheim, die er erst ein paar Tage vorher kennengelernt hatte, vor ihm. Sie war so beeindruckt von seinem Verhalten beim ersten Zusammentreffen, dass sie den Mut fasste und erkunden wollte, ob er auch bei weiteren Treffen noch so zuvorkommend und nett sein würde. So lernten sie sich über die nächsten drei Jahre bei weiteren Treffen besser kennen und er heiratete die drei Jahre jüngere Frau im April 1949. Sie hatten anschließend noch ein wenig Zeit für Zweisamkeit bis dann im Dezember 1952 erst ein Junge und im Oktober 1956 eine Tochter geboren wurden. Vier Enkelkinder und 6 Urenkel wurden im Laufe der Jahre geboren und im Jahr 2000 verstarb Katharina Fleck im Alter von 73 Jahren. Heinz lebt seitdem in eigener Wohnung auf dem Grundstück der Familie zusammen mit den Familien seines Sohnes und eines Enkels. Der Zusammenhalt der Familie ist ihm wichtig und gibt ihm viel Kraft, da er immer jemanden hat, der für ihn da ist, wenn er es braucht.

 

Besondere Erlebnisse in seinem Leben, abgesehen von seiner Familie, waren für ihn die 7 wunderbaren Jahre, in der er aktiv beim FSV Fußball spielen konnte und sein kleiner Sohn ihn angefeuert hat. Dieses sportliche Vergnügen musste er verletzungsbedingt wegen eines kaputten Meniskus aufgeben. Er war anschließend Jugendleiter und 25 Jahre im Hauptvorstand tätig.
Vom AGV wurden nach dem Krieg 3 Operetten aufgeführt, die zwei Polizisten aus Münster geschrieben hatten. Es handelte sich um „Die Winzerliesel“ in 1950, danach in 1951 „Das Mädchen vom Neckarstrand“ und in 1952 „Am Hochzeitsbrunnen“ , in der Heinz die Hauptrolle spielte. Er erinnert sich noch daran, dass bei der Operette „Winzerliesel“ ein großes, sehr hübsches Mädchen mit ihm zusammen spielte, das Interesse an ihm zeigte, was ihm schmeichelte. Allerdings ist sie nicht lang nach der Aufführung nach Amerika ausgewandert. Die aufwendige Vorbereitung auf die Hauptrolle bei der Operette „Am Hochzeitsbrunnen“ ist ihm auch noch gut im Gedächtnis geblieben, vor allem, dass die beiden Polizisten, die das Stück geschrieben hatten, ihn immer zum Lernen angetrieben hatten. Das Stück wurde mit großem Erfolg unter anderem beim Familienabend der Dieburger Polizei aufgeführt. Er erinnert sich gerne an die ausgiebige Feier nach der Aufführung und weiß noch, dass er über eine Stunde für den Heimweg benötigte.

Ebenfalls auf der Liste der schönsten Erinnerungen stehen die vielen Reisen, die er mit dem AGV gemacht hat. Heinz reist sehr gerne und hat unter anderem die Fahrten nach Österreich und Südtirol sehr genossen. Die weiteste Reise ging mit 90 Chormitgliedern im Jahr 1987 nach Ostrava (Mährisch-Ostrau) in der damaligen Tschechoslowakei. Heinz erinnert sich, dass erst ein Konzert in Prag gegeben wurde. Dann ging´s nach Brünn, wo sie ein Ständchen in Tschechisch für Senioren gesungen haben und abschließend wurde ein Konzert in einem Schloss in Ostrava (Merisch Ostrau) gegeben.

Heinz hat die negativen Erlebnisse seines Lebens gut für sich verarbeitet und blickt eher positiv der Zukunft entgegen. Vielleicht eines seiner Geheimnisse, um ein hohes Alter zu erreichen?
Er hat sich vorgenommen 100 Jahre zu werden und freut sich auf ein paar weitere, schöne Jahre.
Seine Freizeit gestaltet er sich vielfältig und gesellig:
Medaille Radsport 2015Seit nunmehr seit fast 70 Jahren ist er aktiver Sänger im AGV und nimmt mit Freude an Vereinsausflügen und Veranstaltungen teil.
Er spielt regelmäßig Skat mit großem Erfolg und Spaß.
Seine körperliche Leistungsfähigkeit erhält er sich, indem er jeden Tag mit seinem Fahrrad unterwegs ist. Dieses Jahr hat er sogar wieder beim Volksradfahren in Münster teilgenommen und wurde als ältester, aktiver Fahrer mit einer Medaille ausgezeichnet.

Vizedirigent

Vizedirigent

Kleine Informationen am Rande ;-):
Er hat noch nie einen Führerschein gehabt oder ein Auto besessen.
Er bevorzugt die deutsche Küche und isst am Liebsten Rouladen mit Rotkraut und Knödel.

Auf die Frage, was ihn so jung und leistungsfähig hält antwortet er:
„Wenn ich morgens aufstehe, dann singe ich schon in den höchsten Tönen!“